Talfahrt.

Eigentlich kann es nicht sein, dass meine Stimmung jeden Sonntag, bevor ich nach Karlsruhe fahre, rapide bergab geht. Und jeden Sonntag ein Stückchen mehr, ein Stückchen schlimmer. Meine Welt stellt sich so quer und es scheint nichts mehr zu funktionieren. Mir ist nur nach Heulen und grade ist da auch das Flimmern in der Brust und der Kloß im Hals, Diagnose Angst. Ich komme mir vor wie ein Kind, dass sich vor der Sommerfreizeit panisch an seine Mutter klammert, weil es nicht von zu Hause weg will. Ich muss mich irgendwie in den Griff kriegen.
Ich weiß nichtmal, wieso das so ist. Die Leute sind ziemlich okay, der Stoff ist ganz interessant (wenn auch anstrengend, weil nicht viel Neues..), eigentlich ist alles in Ordnung. Aber jedes Wochenende dreh ich ab.  Ich kapier’s nicht.

Noch drei Wochen.

 

Kaninchen? Geschlachtet und gefressen.

Ich hab’s gestern maßlos und absolut übertrieben.

Fasching gefeiert (mehr oder weniger, ich hasse Fasching) und getrunken. Hab Leute angepöbelt, mich so richtig schön daneben benommen. Gegen 20:00 Uhr heimgekommen, hackedicht und nur noch am Heulen. Verlustängste, wie ich sie hasse. Ich hab mich verletzt, meiner Thera (versuchsweise) ne SMS geschrieben (ich hatte keine Ahnung, ob die Nummer noch stimmt) und mich bei meinem besten Freund gemeldet. Der hat angerufen und gemeint, ich solle mich bei meiner Nachbarin melden und falls gar nichts mehr geht zu ihm kommen. Ich meiner Nachbarin auf die Mailbox gequatscht und dann beschlossen, dass ich weg muss. Also auf nach BaWü zum Besten.
Im Bus Rchtung Bahnhof hat meine Nachbarin zurückgerufen und ich durfte erstmal mit ihr diskutieren, ob ich jetzt fahre oder nicht….sie meinte dann, sie käme zum Bahnhof und mich mit nach Hause nehmen.
Am Bahnhof hat sie nochmal versucht, mich zu überreden, mit nach Hause zu kommen…hab mich geweigert. Nur noch Chaos. Auf die Frage, ob sie mir irgendwie helfen könne, habe ich (zum Scherz! Verdammt..) gesagt, sie könne meine Wohnung putzen..bin ja recht überstürzt abgefahren.
Im Zug hab ich irgendeinen Typen + Hund kennen gelernt und die ganze Zeit mit ihm gequatscht, was ziemlich cool war. Allein durch das Wegkommen und unterwegs Sein ging’s mir schon wesentlich besser. Ich mag Zug-/Reisebekanntschaften. Man lernt einfach so tolle Menschen kennen. Für 2 Stunden.
Gegen 23.30 Uhr kam dann der Anruf, nach dem ich auf einen Schlag wieder nüchtern war. Nachbarin: “Kannst du noch laufen, grade stehen?” Ich: “Klar, wieso?” “Du hast wahnsnnig viel Blut verloren, ich war in deiner Wohnung.” Sie hat mein Wohnzimmer und die Küche geputzt, das ganze scheiß Massaker weg gemacht…

Beim Lieblingsmenschen noch was gegessen und geredet. Ich bin so froh, dass er da ist. Er betrachtet die Dinge so nüchtern, er kann mich so gut einschätzen. Und er ist einfach da, ohne aufdringlich zu sein. Er bringt mich auf den Boden zurück.
Heute Nachmittag bin ich von dort aus nicht direkt nach Hause, sondern hab meine Nachbarin von der Arbeit abgeholt. Ist nur 15 Minuten Zugfahrt (und neun!!! Euro) entfernt..
Um ein Gespräch bin ich natürlich nicht drum herumgekommen. Hätte sie meine Wohnung vorher gesehen, hätte sie mich nicht gehen lassen. Sie weiß nicht, wie’s weiter geht, weil sie mich einerseits nicht alleine lassen will, aber zu sehr an ihre Grenzen kommt. Sie ist überfordert. Und wer wäre das nicht…ich bin alles andere als einfach, generell und vor allem in letzter Zeit.

Insgesamt eine Akton, auf die ich nicht gerade stolz bin. Vor allem, was das Putzen betrifft…aber: ich hab mir Hilfe geholt. Bis vor einiger Zeit noch hätte ich mich gezwungen, das alleine auszuhalten. Aber ich will trotzdem niemandem zur Last fallen – nicht so sehr dass die Anderen sich fragen, ob sie mich nicht besser einweisen lassen sollten.

Meine Thera hat sich übrigens gemeldet, ich soll sie morgen anrufen.

Und zwar doppelt so sehr.

Ich begreife gerade, dass es im Moment ganz gut ist.
Job ging die letzten Wochen schwer an die Substanz, aber es scheint gerade wieder etwas aufwärts zu gehen.
Meinen Alkoholkonsum habe ich wieder einigermaßen im Griff, ich beschränke mich auf Wochenendalkoholismus. Mein Problem ist, dass ich nur sehr schwer aufhören kann, wenn ich einmal angefangen habe. Aus einem Feierabendbier werden ganz schnell vier oder fünf und danach ist es ja eh zu spät zum Umkehren, also kann ich auch noch Rum trinken. Das Gesaufe unter der Woche und die Arbeit am nächsten Tag vertragen sich nicht so gut und rauben mir meine Kraft. Und meine Tiere leiden drunter.
Und das, was ich nur so schwer in Worte fassen kann (“Was läuft da zwischen euch?” “Keine Ahnung.”), beschrieben im letzten Artikel, es ist einfach gut. Ich komme bei ihm rein und der einzige Gedanke, den ich habe ist “He, entspann dich, Baby”, und es funktioniert. Ich entspanne. Wir tun uns gegenseitig gut zur Zeit und trotzdem halte ich genug Distanz und das Wissen im Hinterkopf, dass es morgen oder auch schon heute wieder vorbei sein kann. Erfahrungsgemäß hält so etwas nicht lange, aber diese Zeit möchte ich doch bitte genießen. Danke.

Eine Sache, um die ich mir Sorgen mache, muss es aber ja trotzdem geben: ich komme nicht wirklich voran mit meinem Projekt für die Schule. Meine Konzentration ist auf dem Nullpunkt und mein Perfektionismus, was Wortwahl und Satzstellung angeht, steht kurz vor einem Orgasmus. Ich bin nie zufrieden mit mir, aber, erfahrungsgemäß, schaffe ich auch das Projekt noch rechtzeitig und schneide wenigstens mittelmäßig ab.

 

:-)

Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Nur nicht nachdenken. Nicht darüber nachdenken.

Du kommst also daher und ich denke noch “Pass auf, Veganarchist, pass bloß auf dich auf.”, du schneist einfach so herein, anfangs nur auf der Suche nach einem Gefährten. Einen gefunden, “wir können ja in Kontakt bleiben”, das sagen so viele und es passiert so gut wie nie. Aber du, du bleibst und fängst an, in mir zu wühlen. Machst mich betrunken und gräbst, gräbst, gräbst. Ohne, dass ich es will, es passiert mit einem schlechten Gefühl. Aber ich kotze mich aus und am Tag danach fühlt es sich so vollkommen falsch an. Und du kannst mir noch so oft versichern, dass du bleibst, ich glaube dir nicht, mit Vertrauen fangen wir gar nicht erst an. Ich kotze weiter. Und schon befinde ich mich am gleichen Punkt wie vor 6 Jahren – ich will das nicht. Überlege, mich abzuwenden, gleichzeitig wissend, dass ich nicht kann. Ich verlasse nicht.

Und dann in deinen Armen, deine Lippen auf meinen, wir beide von Liebe und Sex so meilenweit entfernt – was ist es dann?
Der Gedanke, dass ich mich wohl fühle, dass es so falsch vielleicht gar nicht ist. Aber was zur Hölle…?

Und könnte ich mal bitte mein Denken abstellen?

Kiss kiss kill kill.

Ein Bekannter hat mir angeboten, Sojamilch zu kaufen, damit ich was für meinen Kaffee hab, wenn ich bei ihm bin.
Ich: “Ich find das echt furchtbar lieb von dir, aber das ist es doch nicht wert.”
Er: “Was meinst du?”
Ich: “Na, das Zeug ist scheiße teuer!”
Er: “Meinst du, du bist es nicht wert oder der Geschmack der Milch?”
Ich: “Ich.”
Er: “Falsche Antwort.”

Aaaaw.

Projekt: Hörbuch.

Ich habe mir heute ein Hörbuch gekauft. Gestern schon darüber nachgedacht und lieber noch eine Nacht drüber geschlafen. Bei einem Buch wäre mir das sicher nicht passiert, die müssen sofort mit.
Ich habe mich bislang von diesem neumodischen…Ding ferngehalten, weil ich eigentlich nicht so der Typ fürs Vorlesen bin. Eben habe ich sogar meine Mutter gefragt, wann sie mir das letzte Mal vorgelesen hat: “Du bist in die Schule gekommen und an Weihnachten haben wir zusammen das erste Buch gelesen. Ich hab dir zwar weiterhin vorgelesen, aber du wolltest eher selbst lesen.” (Der Findefuchs..oh, verdammt.)
Hörbücher habe ich bislang als unsympathischer erlebt als meinetwegen IchAuflagen (die zugegeben schon etwas reizvoll sind, immerhin hat man ständig Hunderte von Büchern dabei), aber man wird ja gar nicht mehr damit in Ruhe gelassen, also gut, füge ich mich.
Scheint so, als würde ich zu diesen oldschool-Leuten gehören, die noch wissen, wie sich Papier anfühlt, wie ein neues Buch riecht (ich liebe diesen Geruch) und Stunden im Buchladen verbringen können (und schreibt in einem virtuellen Tagebuch, haha). Ich mag es, die Wörter zu lesen, zu sehen und die Bilder, die sich dazu vor meinem inneren Auge auftun.
Bücher sehen bei mir generell nach “gelesen” aus, Taschenbücher schlagen sich von alleine auf, die einzelnen Seiten haben sogenannte “Eselsohren” – gibt es einen Fachausdruck dafür? – und viele haben schon mindestens eine Tasse Kaffee geschmeckt. Ich schreibe mir Zitate auf, die mir gefallen – habe mir extra ein Notizbuch dafür angelegt.
Ich bin ziemlich schlecht darin, still zu sitzen und zuzuhören. In der Klinik hatte ich einige Zeit (ca. 2 Wochen, es war eine Katastrophe) Progressive Muskelrelaxation. Während die anderen eingeschlafen sind, lag ich da, angespannt und war nach der Stunde kaputter als vorher.
Musik hören und dabei Nichtstun ist mir nicht möglich, ich bin immer irgendwie auf den Beinen. Wieso sollte ein Hörbuch es schaffen, mich auf den Boden (aufs Sofa) zu bringen?

Man kann mir vorwerfen, zu negativ an die Sache ran zugehen, so kann das ja nichts werden. Ich bin einfach nur skeptisch – aber gespannt.
Ich hoffe, es war sein Geld wert.
Heut Abend geht’s los, ich werde weiter berichten.

Lasst uns alle froh und munter sein.

Manchmal mag ich meine Familie, wirklich. Zum Beispiel, wenn sie sagen: “Wir feiern Weihnachten dieses Jahr nicht so, wie die letzten Jahre.” Dann mag ich sie, weil ich nicht sagen muss: “Ich feiere Weihnachten dieses Jahr nicht mit euch.”
Und dann habe ich Hoffnung, dass es doch noch irgendwie gut wird, weil ich die Familie nicht länger zusammen halten muss, denn auch wenn es nur ein Abend im Jahr ist, ist es mehr, als ein Normalsterblicher unbeschadet überstehen kann.
Ja, klar, ich müsste das nicht tun. Ich hätte das nie tun müssen. Aber man stelle sich bitte gegen 14 Jahre alte, jeden Tag gelebte Muster. Ich kann nichts dafür, ich muss.

Wenn sie alle zusammen sitzen, das Familienglück vereint und mein Vater der festen Überzeugung ist, es sei “entspannt”, schnürt sich meine Kehle zu und mein Puls rast. Und ich merke, wie ich ganz klein werde und das alles so falsch ist. Und niemand darüber redet, sie haben 14 Jahre lang nicht darüber geredet. Man muss nur den Schein aufrecht erhalten und niemand kommt zu Schaden. Was stimmt denn nicht mit mir? Ich hab mich so bemüht, Papa, ich hab mich so bemüht.

 

Northshore.   (Don’t love me)